Rocksmith: Die Gegenseite

Ich bin von Natur aus ein skeptischer Mensch. Speziell bei Dingen, bei denen ich meine, Ahnung zu haben, lasse ich mich nur schwer vom Gegenteil überzeugen – im Gegensatz zu meinem Göttergatten, der sehr leicht begeisterungsfähig ist.

Entsprechend sah ich auch der Anschaffung einer Bassgitarre sowie des Programms „Rocksmith“ mit gemischten Gefühlen entgegen, denn: Während ich jederzeit den Wunsch, ein Instrument zu lernen, unterstütze, einfach weil das für mich selbst ein so wichtiger Teil meines Lebens ist und auch, weil es dann einfacher wird, sich über Musik im Allgemeinen zu unterhalten, glaube ich fest, dass ein Computerprogramm echten Musikunterricht nicht ersetzen kann.

Warum ich das glaube? Nun, ein Computerprogramm ist starr. Es mag sich zwar darauf einstellen können, wieviele Töne ich treffe, während ich mein Instrument stimme oder dann eben darauf Lieder spiele, es mag auch erkennen können, ob ich mehr Töne treffe, sobald das Lied langsamer abgespielt wird. Aber es hört und sieht nicht zu. Es kann mich anweisen, wie ich mein Instrument zu halten und zu bespielen habe, aber es kann genau das nicht kontrollieren oder korrigierend eingreifen. Sicher, im Endeffekt gibt es bei jedem Instrument meist nur eine gewinnbringende Handhaltung, die alle Griffe erlaubt, und die findet man irgendwann auch, aber die menschliche Komponente fehlt.

Zudem sind die Lektionen eines Computerprogramms festgelegt. Ich kann sicherlich wählen, welche Lektionen ich wann machen möchte, aber als Neuling an einem Instrument habe ich keinerlei Expertise darin, einzuschätzen, welche Griff- oder Blastechnik auf welcher aufbaut und welche ich daher erst meistern soll, bevor ich mich an einer anderen versuche.

Wäre es nicht für meinen Mann, ich hätte ein solches Programm also nie auch nur aus der Ferne in Betracht gezogen.

Nun aber übt mein Angebeteter abends brav jeweils mindestens eine Stunde, gestern sogar etwas mehr, und ich bekomme tatsächlich mit, wie dieses Programm funktioniert. Töne werden visuell vorgegeben, aber nicht als Noten, sondern als auf einer Art „Laufband“ zu erreichende „Hürden“, sortiert nach Saiten (Farbe der „Hürden“) und Bünden (Länge bzw. Position der „Hürden“). Dabei wechselt das „Laufband“ teilweise auch die Seiten, wandert von links nach rechts, vermutlich je nach Tendenz der Melodie, also ob es auf der Tonleiter nach oben oder nach unten geht, aber das habe ich, zugegeben, noch nicht so ganz verstanden. Insgesamt ist das System jedoch leicht verständlich und eben sehr spielerisch aufgebaut.

Die Sache ist nur die: Mich überzeugt das nicht.

Ich erlebe hautnah mit, wie sich ein musikalischer Laie ohne jegliches Vorwissen, aber mit großem Enthusiasmus mit Bassgitarre bewaffnet vor den PC setzt und versucht, so gut er kann, die vorgegebenen „Hürden“ zu treffen. Er lernt nichts über Notenwerte (wie hoch, tief oder lang ein Ton ist), er lernt nichts über Takt (z.B. was einen 3/4- von einem 4/4-Takt unterscheidet), er lernt auch nicht, zu hören. Kurzum: Er lernt nichts über das, was Musik eigentlich ausmacht.

Stattdessen lernt er in seiner ersten Lektion, auf einer Saite eine gesamte Oktave zu spielen. Oder in seiner zweiten Lektion, ein Legato zu produzieren (in Rocksmith „Sliden“ genannt). Wenn er dann alle Töne trifft, ist das Programm zufrieden („Perfekt getroffen!“), wenn er aber zufällig ein Lied auswählt, das etwas mehr Töne beinhaltet als die bisherigen und vom Programm trotzdem nicht entsprechend markiert wird, und wenn er deshalb nur wenige Töne trifft, kackt ihn das Programm an („Enttäuschende Performance!“).

Ich bleibe also zwiegespalten: Einerseits finde ich es gut, dass es Programme wie dieses gibt, weil es nunmal wesentlich günstiger ist als Musikschulunterricht und daher die Einstiegshürde für Lernwillige senkt. Andererseits glaube ich nicht, dass es pädagogisch allzu wertvoll ist und würde es allerhöchstens Erwachsenen empfehlen, die, wie mein Angelobter, eine verpasste Gelegenheit nachholen wollen.

Aber ich werde weiter beobachten und vorallem die Lernkurve im Auge behalten. Vielleicht täusche ich mich ja.

Veröffentlicht in Music

2 Gedanken zu “Rocksmith: Die Gegenseite

  1. Um es klarzustellen:

    Dieser Beitrag spornt mich noch mehr an. Jetzt will ich es nicht nur mir, sondern auch meiner Frau beweisen. MUHA!

    (Davon abgesehen: wie in einem früheren Beitrag erwähnt, möchte ich mich an einem Instrument versuchen. Wenn es tatsächlich was für mich ist, und derzeit scheint es so, werde ich auch weitergehen und mir einen entsprechenden Lehrer suchen)

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  2. Ich finde es begrüßenswert, dass solche Programme ‚Musikmuffeln‘ helfen durch Gamification die nötige Disziplin aufzubringen den ersten Schritt zu machen.

    Ich glaube der hier macht eine gute Zusammenfassung:

    Daran kann man ja mal messen, wieviel man davon durch Rocksmith lernt.

    Soo lang sind 60 Tage ja auch nicht – und wenn man danach Blut geleckt hat, kann man es ja immernoch ‚richtig‘ ausbauen😉

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